Meeresschutz sozial gerecht gestalten

Zehn Prozent der Weltbevölkerung können das Meer innerhalb einer Stunde zu Fuß erreichen: Mehr als 800 Millionen Menschen auf unserem Globus leben maximal fünf Kilometer von der Küste entfernt. Sie sind in vielerlei Hinsicht auf gesunde Meere angewiesen - für den Fischfang, für Tourismus, als Naherholungsgebiet. Zudem bekommen sie die Folgen des Klimawandels wie den steigenden Meeresspiegel, häufigere Stürme, zunehmende Erosion und die Gefährdung der Artenvielfalt durch die Erwärmung des Wassers besonders stark zu spüren.

Mehr politisches Gewicht für ein wichtiges Thema

„Vor diesem Hintergrund beginnen immer mehr Küstenstädte damit, ihre Rolle im Meeresschutz weiterzuentwickeln“, erklärt Dr. Anna Lena Bercht vom Geographischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU).

Vorreiter dieses Trends waren z.B. 2007 Helsinki und Turku in Finnland, die auch das Netzwerk Baltic Sea Challenge gegründet haben; inzwischen bezeichnen sich aber auch Kiel und Flensburg offiziell als Meeresschutzstädte. Ziel von Baltic Sea Challenge ist es einerseits, durch Schaffung eines internationalen Netzwerks dem Thema mehr politisches Gewicht zu verleihen. Zudem wollen die Städte voneinander lernen: Welche Maßnahmen ergreifen andere, um das Ökosystem vor ihrer Haustür zu bewahren? Und wie gelingt es ihnen, ihre Bürgerinnen und Bürger auf diesem Weg mitzunehmen?

Bercht treibt noch eine andere Frage um: Wie lässt sich Meeresschutz so gestalten, dass möglichst viele partizipieren und auch von ihm profitieren? Wessen Stimmen und Bedürfnisse werden dabei berücksichtigt und wessen nicht? Sie hat kürzlich das Projekt MeerGerecht bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) eingeworben. [...]

Kooperationspartner von MeerGerecht sind die Stadt Kiel, die Büros für Stadtteilentwicklung (Projektgesellschaft Kiel-Gaarden) und die Lighthouse Foundation. Das Projekt rückt den Aspekt der sozial gerechten Gestaltung von Meeresschutz am Beispiel der Stadt Kiel in den Mittelpunkt. „Momentan gibt es einige Gruppen, denen das Thema am Herzen liegt, während andere außen vor bleiben“, sagt Bercht. „Das hängt auch damit zusammen, dass soziale, finanzielle oder kulturelle Barrieren beeinflussen, wer das Meer für Freizeitaktivitäten nutzen kann, sich in Meeresschutzprozessen repräsentiert fühlt und überhaupt eine Beziehung zum Meer aufbauen kann.“

Identifikation mit dem Lebensraum Meer stärken

So gebe es in Kiel Kinder, die gar nicht schwimmen könnten und die nie mit ihren Familien ans Wasser fahren. „Ich möchte in meinem Projekt sichtbar machen, wer Zugang zum Meer hat, welche Gruppen sich besonders stark für dessen Schutz engagieren und wer bislang kaum erreicht wird - und vor allem: warum“, erklärt Bercht. „Welche gesellschaftlichen Strukturen, Machtasymmetrien und Normen spielen hierbei eine Rolle?“ Ihr Anliegen ist es, Meeresschutz inklusiv, fair und für alle Menschen zugänglich umzusetzen – durch die gezielte Einbeziehung von Kindern mit Deutsch als Zweitsprache in Meeresbildungsangebote, durch kostenlose Kunstprojekte an der Küste, durch Mitmach-Aktionen, die die emotionale Bindung zum Meer stärken.

Ein Beispiel für ein solches Angebot, das heute schon existiert, ist die Aktion „Snorkeling.City“. Dabei können Schulklassen gegen einen geringen Unkostenbeitrag die Unterwasserwelt der Ostsee bei einer Schnorchelexkursion in der Kieler Förde kennen lernen. „Um den Reichtum vor der eigenen Haustür schätzen zu lernen, muss man ihn erst einmal kennen“, sagt Bercht. Ihre Hoffnung ist es, dass sich durch ein gezieltes Bündel von Maßnahmen die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit dem Lebensraum Meer stärken lässt. Das würde den Städten den nötigen Rückenwind verleihen, um ihre Rolle als zentrale Akteure im Meeresschutz weiter auszubauen.

„Wir wollen in dem Projekt auch einen Praxisleitfaden entwickeln, der anderen Kommunen dabei hilft, Maßnahmen zur sozial gerechten Gestaltung des Meeresschutzes zu entwickeln und umzusetzen“, sagt die Wissenschaftlerin. Denn die brauche es unbedingt, um Akzeptanz, Beteiligung und Wirksamkeit dieses wichtigen Anliegens zu erhöhen. Hoffnung macht aus ihrer Sicht die Tatsache, dass Meeresschutz nicht mehr ausschließlich ein Thema von Küstenstädten ist. „Dass sich inzwischen auch Binnenstädte wie Saarbrücken zunehmend damit beschäftigen, verdeutlicht die enge Verbindung zwischen Klima- und Meeresschutz.“

(PM Uni Kiel, gek.)

Weitere Informationen unter uni-kiel.de und auf der Projektwebsite


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